Wohnungssuche in Kanada

Veröffentlicht auf 11. Mai 2019

So, ich dachte, ich mache eine kleine Reihe von Einträgen über das alltägliche Leben in Kanada und vor allem wohl auch Dinge, die hier etwas anders laufen - und sei es nur geringfügig. Das kann ziemlich irritierend sein!

Wie ich ja in meinem letzten Artikel erwähnt habe, bin ich in meiner momentanen WG nur bis Ende Juni. Danach kommt Laurent wieder aus Frankreich zurück und wir wollen uns zusammen eine Wohnung suchen. Das Timing ist relativ praktisch, denn hier ist das allgemeine Wohnungswechsel-Datum der 1. Juli. Das bedeutet aber natürlich auch, dass jetzt die perfekte Zeit ist eine Wohnung zu suchen und das heißt, dass ich das alleine machen muss.

Kleiner Spoiler vorneweg: Ich habe eine Wohnung gefunden und der Mietvertrag ist unterschrieben.

Der Prozess war zwar letztendlich schnell, aber doch ziemlich verwirrend am Anfang. Der Reihe nach. Wohnungsanzeigen findet man hier zum Beispiel auf kijiji.ca, was in etwa ebay Kleinanzeigen entspricht. Da findet man wirklich alles. Von Auto über Haus über Arbeit, Mitbewohner, gebrauchte Fahrräder, Kleidung, etc. oder auch Freunde oder einen Nachhilfelehrer. Was das Herz begehrt. Ich bin dort also auf Wohnungssuche gegangen.

Und da kam der erste Unterschied zum Vorschein: Die Wohnungen sind nicht nach Größe (sei es in Quadratmeter oder Squarefoot) aufgegliedert, sondern nach Anzahl der Zimmer. Und es gibt immer halbe Zimmer. Die Küche wird mitgezählt. Das Bad zählt, glaube ich halb. Oder der Flur. So genau hab ich das nicht verstanden. Jedenfalls sollte man, wenn man eine 2-Zimmer-Wohnung mit Küche und Bad möchte, nach einer 3.5 Zimmer-Wohnung suchen. Und zwar egal, ob es sich um eine offene Küche handelt, die ins Esszimmer übergeht. Das sind dann einfach zwei Zimmer in einem. Es gibt dann vermutlich noch ein geschlossenes Schlafzimmer und ein Bad. Das wars. Wie groß irgendeiner dieser Räume ist, muss man rausfinden, indem man hingeht.

Nun gut, ich habe also jede Menge Leute angeschrieben oder angerufen (auf Französisch!!! Ich hoffe, ihr seid so stolz auf mich, wie ich es war!). Viele haben nicht geantwortet, aber ich habe letztendlich doch einige Besichtigungstermine bekommen.

Wohnung #1, die ich besichtigt habe, war von der Lage her alles andere als ideal. Das Viertel war auch alles andere als ansprechend. Viel zu viele Autos. Viel zu viel Baustelle. Viel zu wenig Pflege der Vorgärten etc. Das Haus sah ja gar nicht so schlecht aus, aber das Treppenhaus war so staubig und dreckig, als wäre man mitten auf einer Baustelle und die Wohnungstüren sahen aus, als dürfte man sich nicht anlehnen, weil sie sonst sofort nachgeben würden. Die Wohnung war winzig, aber man kann sicher auch auf kleinem Raum leben. Die Küche war allerdings praktisch non-existent. Sobald man Herd, Kühlschrank und Waschmaschine entfernt hatte, gab es eigentlich nur noch ein Waschbecken und ein paar Hängeschränke. Keine Ablage, keine Arbeitsfläche.

Ihr könnt euch vorstellen, dass das definitiv nicht meine erste Wahl war. Zwei Tage später hatte ich eine weitere Wohnungsbesichtigung.

Wohnung #2 war wie eine andere Welt. Das Viertel war genau dort, wo wir hinziehen wollten, nur 5-10 Minuten zu Fuß von der nächsten Metrostation entfernt (die mich direkt zur Uni bringt). Ruhige, gepflegte Straßen. Und das Treppenhaus war offen, freundlich, neu gestrichen. Die Wohnung war außerdem wesentlich größer (gut, es war auch eine 4.5 Zimmerwohnung) und mit einer angenehm großen Küche. Etwas teuer, aber ich habe mich sofort in die Wohnung verliebt.

Da kommt aber der nächste Kulturschock: Hier gibt es keine Kaution. Deswegen versuchen die Vermieter, sich anders abzusichern. Das heißt, man muss Referenzen angeben. Z.B. vorherige Vermieter, Freunde, Arbeitgeber, etc. Das bedeutete für mich natürlich eher schlechte Karten. Mein Professor hier hat mir zwar erlaubt, ihn als Referenz anzugeben und meine Mitbewohnerin in Würzburg hatte zugesagt, mir ein Empfehlungsschreiben zu geben bzw. zur Not auf Anfragen zu antworten, aber natürlich wäre den meisten jemand kanadisches lieber.

Ich war also bei der Wohnungsbesichtigung und habe mein Interesse bekundet und durfte daraufhin einen Bewerbungsbogen ausfüllen, auf dem ich angebe, wie viel ich verdiene, meine Referenzen und alle Infos, die vielleicht irgendwie meine Bewerbung unterstützen könnten. Zum Glück habe ich so lange dafür gebraucht, dass der, der die eigentliche Entscheidung trifft, gerade vorbeigekommen ist und ich mich mit ihm auf dem Gang unterhalten konnte. Ich glaube, ohne dieses persönliche Aufeinandertreffen und das nette Gespräch hätte ich keine Chancen gehabt.

So habe ich allerdings am Tag darauf den Anruf bekommen, wann ich den Mietvertrag unterschreiben könnte. Und die nächste Besonderheit: Ich sollte gleich die erste Miete zahlen. In Form eines Checks. Denn ja, Checks sind hier ein alltägliches Zahlungsmittel. Nach Absprache mit Laurent habe ich zugesagt (und alle anderen Wohnungsbesichtigungen abgesagt). Allerdings hatte ich noch kein Bankkonto, konnte also nicht ohne weiteres einen Check ausstellen. Zum Glück sind hier Laurents Eltern eingesprungen (das war auch ein kleines Drama, aber das ist wieder eine andere Sache...).

Zu guter Letzt habe ich also den Vertrag unterschrieben, den ersten Check überreicht und saß dann noch fast eine Stunde mit meinen zukünftigen Vermietern, einer älteren italienischen Dame, die vor fast 60 Jahre nach Kanada gekommen ist, und ihrem Sohn in der Küche. Und dann kamen noch mehr italienische Verwandte zu Besuch und es wurde ein wilder Mix aus Italienisch, Französisch und Englisch gesprochen.

Alles in allem ging also alles sehr schnell und glatt und obwohl es im Großen und Ganzen auch nicht anders ist als bei uns, gab es doch einige Punkte, die ich erst mal verstehen/akzeptieren/kennenlernen musste.

Geschrieben von Mira

Veröffentlicht in #Canada

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